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 SY "BUDLUP"

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 Saint Louis:
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Zeit

Man kann es nicht fassen, nicht trinken oder rauchen,  und trotzdem hat es jeder! Aber wie es scheint hat nicht jeder gleichviel! Die Afrikaner hier in Westafrika jedenfalls haben sehr viel davon, und uns ist sie sozusagen davongelaufen.

Vier Wochen sind wir schon wieder im Wasser. Das Paket aus Germany, mit all den, vor drei Wochen bestellten Bootsartikel, wie z.B. Fensterdichtungsmasse ist endlich beim Zoll ausgelöst. Keine einfache Sache! Als <Boot in Transit> wird uns zwar Steuerfreiheit versprochen, im Nachhinein erfahren wir jedoch, dass das Auslösen per Agent erfolgen muss, und je nach dem ist das noch teurer als die 52% Einfuhrsteuer. Erfolgt die Einfuhr über einen registrierten Händler, so ist das ganze allerdings kostenlos. D.h. Der Händler lebt natürlich nicht von Luft allein, nein, die Hälfte der eingesparten Zollkosten beansprucht er für seine Unkosten. So wäscht eine Hand die andere und die Seife spendiert der <Tubab> = Weisser = Bonbons, Geschenke, Geld, Milchkuh, ….

Da wir in der Regenzeit den Süden des Senegals bereisen wollen, klebe ich in der Folge in den nächsten 8 Tagen jeden Tag ein Fenster neu ein. Jetzt endlich, nach getaner Arbeit spendieren wir uns ein Wochenende in Saint Louis, ein lang gehegter Wunsch meines Tourismusministers. Saint Louis, die ehemalige Hauptstadt des Senegals liegt ganz im Norden an der Grenze zu Mauretanien, und durchlebte während der Sklavenhandelszeit ihre Hochkonjunktur.

Abenteuer Landstrasse

Am Samstagmorgen der achten Dakarwoche werden wir zusammen mit 18 weiteren, ausschliesslich schwarzen Reisewilligen in den Minibus nach St. Louis gepfercht. Die Strasse führt abseits der Küste durch eine fantastische Savannenlandschaft, dem ehemaligen Eisenbahntrassee folgend. Ich will es geniessen, Erinnerungen an unsere Südafrikazeit werden wach, aber nach zwei Stunden Fahrt weiss ich nicht mehr auf welche Arschbacke ich mein Gewicht verlagern soll! Mein Sitz an der Schiebetüre ist gerade mal für eine Backe gross genug, da können auch unsere beiden, dem afrikanischen Idealbild entsprechenden Banknachbarinnen samt Gepäck nicht viel dafür. Das Entgelt für den Transfer ist mehr als bescheiden, da muss man schon etwas wegstecken können!

Offensichtlich befand sich unser Chauffeur, ein Muselman gleichzeitig auf einer Pilgerreise. Via überdimensionierte Lautsprecher auf Kopfhöhe liess er ab Band den Koran, von einem Marabu eindringlich vorgetragen auf uns herniederprassen. Als Folge wuchs, gleichzeitig mit den Sitz- und Ohrenschmerzen ein grosses Verlangen, dem Fahrer das Radio doch abkaufen zu können. Wie wunderbar geduldig und gleichmütig sind aber diese Leute hier! Ausser uns hat keiner insistiert, obwohl, selbst wenn man der Sprache mächtig währe, kann ich mir vorstellen, dass man nach drei Stunden eintönigem Geleier ein bisschen Unterhaltungsmusik hören möchte, oder noch lieber gar nichts.

Genug des Jammerns, Allah hatte Mitleid mit mir und liess am Minibus ein Radlager brechen, was uns eine Stunde Pause in einer kleinen Ortschaft entlang der sengenden Hauptstrasse bescherte. Ruhe, gemischt mit dem Gesumse lästiger Fliegen, unterbrochen von vorbeijagenden Fahrzeugen und das Gehämmer am Radlager unseres Transportmittels beschreiben die Idylle. Ab und zu treten, wie aus einem anderen Film farbenprächtig bemalte Einspänner, von einem Esel gezogen zwischen den eingeschossigen Häusern hervor, um kurz darauf wieder in einer staubigen Seitengasse zu verschwinden. Wir Reisende, die gemeinsam unter einem niedrigen, Schattenspendenden Baum stehen, sitzen, oder liegen dürfen das Geschenk des Tages wie Kinobesucher erleben.

Saint Louis

Keine Reise dauert ewig! Die letzten Meter über die 100 jährige Drehbrücke in die Stadt hinein legen wir per Taxi zurück. Die Stadt liegt auf einer Insel im Staatsnamengebenden Fluss Senegal. Nur eine lange schmale Insel, die Insel der Fischer trennt Saint Louis vom weiten Ozean und bildete mit ihrem Hafen für lange Zeit die Handelsmetropole Westafrikas. Die Suche nach einem freien Hotelzimmer gestaltet sich teuer, und das letztlich gefundene Zimmer ist ein gefangenes, ohne Fenster direkt neben der Rezeption. Da wir nicht geplant haben unsere Freizeit im Hotel zu verbringen, sind wir gleich nach einer Dusche losgezogen St. Louis und sein Esprit ein zu fangen.

Obwohl die Sonne bereits weggetaucht ist, haben wir, kaum auf der Strasse stehend einen schwarzen Schatten neben uns, der uns immer irgendetwas zeigen will. Er hat auch einen Bruder mit einem Pferdefuhrwerk für Ausflüge, und seine Schwester mit Garküche bietet einheimisches Essen zum probieren. Wittert er Geld, Gold, oder Edelsteine, oder was? Nein, nein, er will uns nichts verkaufen, ein Besuch in seiner Souvenirboutique wäre selbstverständlich gratis! Ich schicke ihn 100mal weg, und er bleibt uns drei Tage treu. Er ist schon da, wenn wir morgens den Kopf zur Türe hinaus strecken, egal ob wir vorne oder hinten raus wollen, und wünscht uns am Abend eine gute Nacht.

Spät abends treffen wir im Hotel auch auf einen geschäftigen Monsieur mit kluger Brille. Er ist Reiseveranstalter und er kennt keinen Feierabend. Er hat alle seine Touren in einem Fotoalbum dokumentiert, und er will sie uns unbedingt zeigen. Wir winken ab, als Individualreisende lassen wir uns nicht gerne organisieren! Gut, ganz klar, er kann das akzeptieren, selbst verständlich dürfen wir auch mehr bezahlen, wenn wir wollen, aber gerade Morgen hätte er z.B. eine Tour zu den Pelikaninseln, die er uns zum halben Preis anbieten könnte!

Der erste Eindruck von Saint Louis ärgert uns, aber auch er ist ein Bestandteil unseres Afrikaabenteuers. Er zeigt uns auf wie einfallsreich und beharrlich ihre Bewohner um ihren Lebensunterhalt kämpfen, und wie unterschiedslos sie Gegebenheiten für ihre Zwecke ausnützen. Der Skilehrer <Gigi von Arosa> lässt grüssen, aber die Touristen hier, sind wir!

Savoir vivre

Die Señoras, ein Produkt von schwarzen Müttern und weissen (Sklaven)Händlern haben die Stadt und ihren Stiel geprägt. Ihre Häuser, alle zweigeschossig beherbergten im Erdgeschoss die Geschäftsräume und im Obergeschoss, mit ausladenden Veranden die Wohngemächer. Sie hielten Hof und Zeremonien ausgeprägter wie die Könige Europas. So trugen z.B. Sklaven den ganzen Schmuck samt Edelsteinen auf einem Kissen hinter den Señoras her, wenn sie durch die Strassen der Stadt flanierten! Mit der unrühmlichen Geschichte der Sklaverei wird uns heute noch gerne, ausgiebig und anschuldigend an der Seele gerührt, als hätten diese Mütter von einst keine Mitschuld an der Gier nach Macht und Reichtum gehabt. Jetzt sind die Bauten nicht mehr in dem Zustand von einst, und sehr wenig wurde restauriert, aber alles ist voller Leben und Selbstverständlichkeit, keiner dreht sich nach uns um, und was war, schert hier niemanden. Ziegen, Hühner und Menschen leben bunt gemischt unter einem Dach, und mancherlei ausgedienter Unrat und Abfall liegt achtlos in Ecken und Rinnen, und stinkt leise vor sich hin. Aus den Gassen und ihren Häusern dringt Musik und Lebensfreude. In den belebten Hinterhöfen hängt frisch gewaschene, farbige Wäsche zum trocknen, überall kreischen und lachen spielende Kinder. Der Wohlstand von einst hängt über allem, liegt in der Anlage der Strassen und Plätze und in der Schönheit der Architektur, sowie an seiner eingegrenzten Lage in der Mitte des Flusses Senegal.

 

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